Wenn Mittwoch oder Samstag in Lochtum einmal laut gehupt wird, dann steht Bäckermeister Walter Hundertmark vor der Haustür.
Seit April 1967 besucht der 72-jährige Vienenburger Walter Hundertmark seine Kunden mit seinem rollenden Dorfladen in dem idyllischen Dorf. Immer einen Spruch auf den Lippen, immer gut drauf, so kennen die Kunden „Walter“ und man ist natürlich mit allen per Du. Wenn er mit seinem weißen VW-Transporter die Kunden mit Backwaren, Lebensmittel, Wurstwaren, Zeitungen und Zigaretten versorgt, ist „Walter“ in seinem Element.
In Lochtum gibt es seit einigen Jahren keinen Lebensmittelladen mehr, nur noch die Schlachterei Kronemann. So gegen 9 Uhr ist „Walter“ am Krähenbach bei Ursula Schrader sowie Gabi und Karl-Heinz Nierad. Ein weiterer fester Treffpunkt ist gegen 10 Uhr „Am Sportplatz“ bei Hartge. Früher warteten hier bis zu zehn Kunden, einige Personen sind inzwischen verstorben oder sind krankheitsbedingt nicht mehr anwesend. Übriggeblieben sind nur noch der frühere Ortsbürgermeister Otto Deike, der ehemalige Pastor Johannes Lehmann, Petra Zöllner, Wilhelm Duderstadt, Harald und Utz Schrader. Man nannte es auch den informellen Dorf-Treff „Kümmerlings-Eck“. Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht und auch einige Schnäpschen getrunken.
„Wir sind eine große Familie“, sagt Walter Hundertmark, denn viele Freundschaften hat der aktive Hobbyjäger in Lochtum gefunden und von vielen weiß er die Geburtstage.
Besonders die Vereine haben es ihm angetan, bei einigen ist er Mitglied. Am Rosenmontag gibt er beim Männergesangverein „Einigkeit“ ein warmes Essen für die aktiven Sänger aus. Bis vor einem Jahr ist der Bäckermeister schon um 4 Uhr nach Lochtum gefahren und hat Zeitungen und Brötchen vor die Tür gelegt. Dies macht nun sein Sohn Nils. Der Senior macht es nur noch als Urlaubs- oder Krankenvertretung.
Walter tritt seit einem Jahr etwas kürzer und fängt erst später an. „Als 450 Euro-Kraft braucht man nicht mehr soviel zu arbeiten“, sagt er lächelnd. In Vienenburg betreibt Hundertmark die „Burgbäckerei“ in der Friedrich-Rese-Straße, in der seit einem Jahr Sohn Nils der Chef ist. In Lengde wird die ehemalige Bäckerei Papendieck noch als Filiale betrieben.
Nach der Grenzöffnung im November 1989 fährt er auch am Dienstag und Freitag die Kunden in Abbenrode an. Auch hier fühlt er sich heimisch und hat einen großen Kundenstamm. „Das Herumfahren ist besser als jede Filiale“, sagt er sichtlich zufrieden. Die Geschäfte laufen gut, besonders sein Partyservice. Er selbst möchte noch so lange wie möglich seine Kunden besuchen, viermal die Woche ab 7 Uhr nach Lochtum oder Abbenrode fahren.
„Ich brauche das so,“ sagt der „lustige Vogel“, wie er sich selbst bezeichnet.
Wer weiß, vielleicht ist das ja das Patentrezept: wenn die Kunden nicht in das Geschäft kommen, kommt Onkel Walter eben zu den Kunden.
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